Der russische Künstler und Philosoph Nicholas Roerich stellte den alten Altai einem gigantischen Kessel gegenüber, in dessen Bergmauern allmählich unzählige Kulturvölker hervorgingen und wieder untergingen. An der Kreuzung der uralten Handels- und Wanderwege entstanden riesige Stammesallianzen, Herrschaften und Großreiche, die das kulturhistorische Schicksal ganz Eurasiens bestimmten.


Dutzende von Gegenden im Steppen- und Berg-Altai wurden von den hier lebenden Volksgruppen immer wieder als Heiligtümer angesehen, insbesondere deshalb, weil diese Plätze ein mystisches Gespür für die Untrennbarkeit von gestern und heute verbergen. Einer dieser legendären Orte ist nur 20 Gehminuten vom Wohngebiet "Wichorewka" entfernt.

Ein Weg, der sich durch die Kiefern des Waldparks windet, führt zum steilen Abhang des Flusses Bija. Hier, wo sich die Bija und der Fluss Katun treffen, finden sich in der näheren Umgebung Waldzungen in Gestalt von unwahrscheinlich schönen, mit Kiefern bewachsenen Flussterrassen-Dünen. Am südlichen Flussbett sind die saftig begrünten Ausläufer des Altai nicht von zerklüfteten, sondern von hügeligen Gipfeln des Altaiergebirges überragt. Diese Stätte markiert den Schnittpunkt zweier historischer Landschafts-Klimazonen und ist Begegnungsstätte zwischen zwei historischen Kulturlandschaften.

Das russische Staatsarchiv enthält zahlreiche historische Dokumente und Briefe von Heeresführern und Dienern der Festungen Tomsk und Kusnezk, in denen immer wieder betont wird, dass es für einen Weiterzug nach Südsibirien dringend notwendig ist, die Festungsanlagen "am Einlauf der Flüsse Bija und Katun" noch einmal auszubauen. Immerhin hat das sibirische Heeresverwaltung achtmal im siebzehnten Jahrhundert die notwendigen Schritte unternommen, um das Vorhaben zu verwirklichen. Aber warum wurde die Aufmerksamkeit auf diese Region so unermüdlich gelenkt?

Aus alten russischen Urkunden und Landkarten geht hervor, dass die Gegend um den Oberlauf des Ob als das größte Teleuten-Stammesgebiet war und als "Teleguten-Land" genannt wurde. Erste Invasionsversuche wurden 1625 von einem Heer unternommen. Um einem gegnerischen Überfall in dieser Gegend zu widerstehen, sollte ein russischer Stützpunkt an einer strategisch günstigen Stelle erbaut werden. Und diese Anlage lag exakt an der Mündung der Flüsse Bija und Katun. Eine Serie von Feldkampagnen wurde von den Tomsker und Kusnezker Truppen gestartet, die in den 30er bis 60er Jahren des siebzehnten Jahrhunderts die Flussmündung des Ob zu erreichen suchten. Es handelt sich um mehrere, aber erfolglose Unternehmungen. Die Kosaken, die an den Attacken im unteren Lauf der Bija beteiligt waren, berichteten ihren Heimatgenossen bei ihrer Heimkehr von einem fruchtbaren Land voller dichter Wälder und fischreicher Flüsse.

Die märchenhaften Orte entlang der Ob-Quelle aus den beschriebenen Wanderer-Geschichten wurden schrittweise auf russischen und europäischen Landkarten aufgezeichnet. Das Gebiet um den Oberlauf des Ob wurde aber erst zur Zeit Peters des Großen besiedelt, wobei im Auftrag des Zaren zunächst kleine Befestigungen errichtet wurden und erst später die Bijsker Festung, auf deren Grundlage die Stadt Bijsk entstand.



Tausendjährige Pfade

Wie kann man nun das fortwährende Verlangen nach diesem Landesteil rechtfertigen? Die Ursache dafür ist nicht nur das große Territorium, die im Urwald und in den Flüssen lebenden Pelztiere und Vögel, oder der Fischreichtum, obgleich es trotzdem sehr wichtig war. Die Antwort auf dieses Rätsel liegt in einem geheimnisvollen Wissen, das in der Welt von Archäologischen Entdeckungen gefunden werden kann.

Nach und nach wurde klar, dass das Gebiet, wo sich die moderne Stadt Bijsk erhebt, durch ihre geografische Sitiation eine einzigartig hohe strategische Perspektive hatte. Die Bedeutung des Altai als eines der ersten Zivilisationszentren auf dem gesamten eurasischen Kontinent ist nicht zu unterschätzen, denn im Zuge der Völkerwanderung zogen hunderte von Stämmen jahrtausende lang durch die Berge und Steppen.

Diese Einwanderer besiegten und verdrängten die indigenen Stammesgruppen und errichteten eigene Reiche, die wiederum im Verlauf der Jahrhunderte mit der Eroberung durch andere Völkergruppen untergingen. Auf den Berghängen und in den Talebenen entstanden indes nach Sonnenaufgang schauende, dunkle Steinfiguren und imposante Grabanlagen.

Das Altaiergebirge wurde von den wichtigsten Karawanenrouten durchzogen, die Nord- und Zentralasien vereinigten. Diese Transportwege ermöglichten den Warentransport aus China, der Mongolei, Zentralasien und noch weiter entfernten Regionen. Diese Handelswege sind angeblich mehrere tausend Jahre alt. Zumindest Herodot, der "Vater der Geschichtsschreibung", hat in Bezug auf Geschichten griechischer Händler von Kämpferstämmen des Altaigebirges und ihrer Gefechte mit mythischen Drachengreifern, die ein üppiges Goldlager bewachen, berichtet. Im antiken China war der Altai-Handelsweg bereits unter dem legendären ersten Kaiser Qin Shihuangdi ein Begriff.

Das Bijsker Heimatkundemuseum enthält eine Reihe spannender archäologischer Exponate, die das Volumen und die umfassenden Handelskontakte der Bewohner der Region um das obere Ob mit diversen Ländern Eurasiens unterschiedlichster Zeiträume dokumentieren. Am Beginn des Ob liegt das Flussgebiet auf einer der ältesten und belebtesten Wege in Zentralasien, an diesem Ort gab es eine Fährüberfahrt im Radius von zehn Werst. Eine Handelsroute, die irgendwo im Norden Sibiriens beginnt, hat ebenfalls zu diesem Umschlagpunkt geführt.

Dieser Weg wurde dann in zwei Strassen geteilt, die beide zu den südlichen und mittleren Grenzen Asiens führen. Die erste Strecke führte durch das Altai-Gebirgsvorland und mündete in den nordwestlichen Bezirken des chinesischen Kaiserreichs, wo sie mit den Karawanenpfaden der Großen Seidenstraße zusammenlief. Auf der zweiten Strecke ging es am linken Katunufer gen Süden bis zum Kern des Bergaltai. Wenn man tiefe Klüfte, Bergpässe, tosende Flüsse und bedrohliche Geröllhänge hinter sich gelassen hat, gelangte man in die endlosen mongolischen Weiten und letztlich an den Rand des chinesischen Reiches.

Auf dieser Handelsstraße war es sehr gefährlich, aber es war die kürzeste Strecke, die vor dreitausend Jahren in den antiken chinesischen Zeitgeschichten beschrieben wurde. Die Friedenszeiten wurden durch erbitterte Kriege gestört, dann zogen auf den Handelsrouten skythische Feldherren, mongolische Reiter der türkischen Herrscher und flotte Reiter der mongolianischen Khane tief in Sibirien ein.

Auch im siebzehnten Jahrhundert war diese Strecke militärisch relevant. Dank dieser Pfade besetzten teleutische und dsungarische Truppen überraschend die Kusnezker Burgen und konnten nach einer vernichtenden Zerstörungswelle ebenso rasch und ungestraft erneut nach Süden ziehen. Als Gegenmaßnahme gegen derartige Überfälle blockierten die Russen ihren Weg Richtung Norden, exakt an der schon erwähnten Verbindungsstelle am Zusammenfluss der Flüsse Bija und Katun.



Die geheiligte Bija-Mündung

Wie kam der Name Wichorewka zustande? Es handelt sich also um einen russischen Ortsnamen, der das Ergebnis einer lautsprachlichen Anpassung eines weitaus älteren Namens ist, der vermutlich seinen Ursprung im achten bis siebten Jahrundert vor Christus hatte, als die europäischen Völker über die Samojeden im Altai regierten. Die Bezeichnung "Wichorevka" verweist auf die Bija-Mündung und hieß zunächst ungefähr "Bi-chara", was "Das Areal (Land) an der Flussmündung" bedeutete. Im Laufe der Jahrhunderte ist die geographische Relevanz zunehmend von der Volkssprache der alten Turkstämme beeinflusst worden. Durch das Wort "Char" wurde eine hohe Steilküste benannt, so dass der neue Ortsname aufgrund des Einwirkens der urtümlichen Türkensprachen wie "Bi-chara-us" klingen könnte, was "hohe Steilküste bei der Flussmündung" bedeutete. Wenn das mongolische Wort "chaira" miteinbezogen wird, was in den Dialekten der Altaier auch "heilig" bedeutet, so entsteht ein weiterer Bedeutungszusammenhang, und zwar "Bi-chaira" (" die Flussmündung" bzw. "das Heiligtum nahe der Flussmündung").

Sucht man allerdings noch weiter nach Überresten alter Kulturen, so stößt man auf das Sanskritwort "Wichara", was "Kultstätte der Gottheiten" heißt. Auch andere Lesarten sind denkbar, aber der weit verbreitete Sinngehalt ist derselbe: Der Ort ist ein Heiligtum, das von seinen Bewohnern so genannt wird. Wichorewka ist der Treffpunkt der berühmtesten Altai-Flüsse: Bija ("Bi" heißt „Herr" auf altaisch) und Katun (vom altaischen "cha-tyn" abgeleitet, im Deutschen "Herrin"). Gemeinsam formen sie das grandiose Ob, welches einer der mächtigsten Flüsse des eurasischen Kontinentes ist.

Die beiden altertümlichen Handelswege führten zwischen den Bija- und Katun-Ufern durch Sibirien und Mittelasien. Allein deshalb ist der Ort, an dem sich die beiden Flüsse begegnen, ein heiliger Ort der Verehrung, der für die angrenzenden Ortschaften immens wichtig war. Der Lokalhistoriker und Kenner des Altai, Boris Kadikow, gehörte zu den Begründern dieser Vermutung. Nach einer anderen Annahme wurde die alte russische Ansiedlung in der Region zum Sinnbild für den christlichen Sieg gegen die Erdgeister, die sich über die benachbarten Gegenden hinweggesetzt hatten.

Eine sehr interessante geographische Vorlage unterstützt diese These: eine 1730 vom schwedischen Offizier Philip Johan von Strahlenberg herausgegebene Landeskarte Sibiriens. Es gibt ein bestimmtes Merkmal auf dieser Karte: Der Pfeil, der auf den Zusammentreffen der beiden Flüsse Bija und Katun hinweist, schildert die Position eines sagenumwobenen Sanktuars der dort lebenden Heiden, welches von den Russen "Goldenes Weib" (-Mädchen, Göttin) benannt wurde und im lateinischen "Monumentum Diva Slatum" genannt wird.

Auf dem unteren und mittleren Ob finden sich noch heute Volkstraditionen von Mansi, Chanti und Nenzen, die diesen heiligen Ort "Sorni-Ekwa" nennen. Zeugnisse über das heilige Idol der alten ugro-samojedischen Stämme der Transuralregion erreichten Europa schon im 16. Jahrhundert über das riesige Russland.

Europareisende und Kartenzeichner bewiesen, dass die sibirische Bevölkerung sehr viel Verehrung für diese Gottheit empfand und dass niemandem erlaubt war, sich dem Ort der Anbetung zu nähern, wenn er nicht über genügend Opferbereitschaft verfügte. Der Botschafter Österreichs in Moskau im sechzehnten Jahrhundert, Sigismund von Herberstein, hat diesen geheimnisvollen Ort gemäß den altrussischen Chroniken folgendermaßen charakterisiert: "Diese Statue ist ein goldenes Abbild einer alten Frau, die einen Sohn auf den Armen hält....".

Gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts wurde vom sibirischen Kartenzeichner Semjon Remesow über das "Goldene Weib" eine Sage veröffentlicht, in der über die Kosakenkrieger des russischen Atamans Jermak und die Bestrebungen der Russen, "den auf einem Pokal sitzenden goldenen Gott" zu entwenden, berichtet wird. Jermak entsendet heimlich eine Reitergruppe zum Kultplatz am Ob, die es schafft, den Schrein an einem versteckten Platz unterzubringen.

Was wäre aber, wenn die geheimnisvolle Kultstätte dieser "Wasser- und Flussgöttin" Wichorevka ist, ein Heiligtum unmittelbar vor Bija? Das rätselhafte Szenario zeigt auch in den kleinsten Punkten keinerlei Rückschlüsse in Richtung Vergangenheit oder Zukunft.

Einer der bekanntesten Vertreter der Russischen Kirche besuchte 1909 den Altai, der Protopriester Jochann Wostorgow. In den Reiseberichten schrieb er zum Beispiel: "Eine Vielzahl von geheimnisvollen und sagenhaften Stätten am Ursprung des Ob werden heute noch in den Dorfgemeinschaften der Gegend von Bijsk erwähnt. Ich selbst habe schon von der Geschichte eines unermüdlichen Ringens von Gut und Böse gehört, welcher am Rande der Welt, nämlich zwischen Bija und Katun, stattfinden wird". Als 1926 Nicholas Roerich Bijsk besuchte, schrieb eine Reihe von Textpassagen in seinen Wandertagebüchern "Altai-Himalaja" und glaugbte, dass die letzte Schlacht von Gut und Böse, von einem weißen und einem roten Ross, an exakt dem Platz ausgetragen wird, an dem die beiden Flüsse zusammenkommen.