An keinem ähnlichen Fleck Erde lassen sich sämtliche Perioden der menschlichen Evolution vom Beginn der Vorgeschichte bis zur heutigen Zeit nachverfolgen. Schon vor etwa dreitausend Jahren nutzten Menschen diese Höhlen als Unterkunft; 1982 führten Wissenschaftler des Archäologischen und Ethnographischen Instituts von Nowosibirsk hier die ersten umfangreichen Forschungsarbeiten durch. Mehr als 20 unterschiedlichste Kulturschichten sind bei den Erkundungen festgestellt worden, beginnend bei der über 13 m hohen Schicht aus der Steinzeit, in welcher zahlreiche Funde gemacht wurden. Doch nicht die Anzahl der Stücke, vielmehr der Stellenwert dieser Objekte ist ausschlaggebend: Durch die in der Denissow-Höhle gefundenen Funde wurde die vorausgegangene Entwicklungslehre in Frage gestellt.


Ende des zwanzigsten Jahrhunderts ging man davon aus, dass die Entwicklung der menschlichen Geschichte in Afrika vor etwa 2,5 Millionen Jahren begann, wovon zahlreiche Studien zeugen. Sibirien war für die Entwicklungswissenschaftler nur eine belanglose Gegend, wo die ersten Menschen sich vor 30.000 oder 50.000 Jahren niederließen. Dessen ungeachtet folgte eine archäologische Feststellung, eine Bombe: Im Vergleich zu herkömmlichen archäologischen Quellen sind die Denissow-Höhlen und die dort entdeckten Fundstücke wesentlich älter zu betrachten.

Anthropologen und Altertumsforscher gingen lange Zeit noch von der festen Annahme aus, dass der unmittelbare Stammvater des Homo Sapiens, der Cro-Magnon-Mensch, frühestens 40 bis 35.000 Jahre vor Christus in Eurasien beheimatet war. Im Gegensatz dazu wurden hier menschliche Gebeine festgestellt, die um 10 bis 15.000 Jahre älter sind und somit die ältesten in der nordasiatischen Umgebung! Die Wissenschaftler haben sich schon mit der unglaublichen Zahl von 300.000 einmal abgefunden, als in der Nähe einer Höhle erneut eine frühe paläolithische Anlage namens "Karama" gefunden wurde, die ebenfalls die Menschheitsgeschichte um etwa eine halbe Million Jahren ausweitete.

Ein wahrer Ruhm erlangte das Denkmal 2008, als in der 11. archäologischen Schicht eine versteinerte Fingerphalanx eines Mädchens gefunden wurde - die Analyse der DNA zeigte, dass dieser Mensch weder zu den ausgestorbenen Neandertalern noch zum Homo Sapiens gehört, sondern einen besonderen Zweig der menschlichen Evolution darstellt. Noch längst sind die Grabungen nicht beendet und verheißen weitere Sensationsfunde.

Abgesehen von dem hohen Forschungswert haben die Denissow-Höhlen zur Tourismusentwicklung in der Region beigetragen. Man ist heute gewohnt, Ausgrabungsfunde als Exponate in Ausstellungen bewundern zu können. Doch nur ein kleiner Teil kennt die Erfahrung, dass historische Fundstätten direkt an ihrem Standort aufgesucht und dabei auf einen Blick erfasst werden: Hier und da saßen noch vor mehreren hunderttausend Jahren die Urmenschen und schnitten gekonnt ihre Gesteinswerkzeuge aus.

Man kann sich das so vorstellen: Die ganze menschliche Geschichte findet sich auf dem Areal dieser archäologischen Fundstätte und die neuesten Entdeckungen werden dem Publikum direkt vorgelegt.

Archäologische Rundgänge durch Denissow-Höhlen stellen nicht nur ein Touristenhighlight dar, sondern bieten auch die Möglichkeit, viel Wissenswertes zur Entwicklung des Menschen zu erfahren. Der Ausdruck "Entdeckungstourismus" scheint sich in unserer Umgangssprache noch nicht etabliert zu haben und ist manchmal überraschend. Nichtsdestotrotz drängt sich bei einem die Frage auf: Muss man in eigener Interesse stets passiv bleiben oder sich auf die Suche nach dem Adrenalinschub begeben? Die Zukunft ist der Urlaub, in dem man sich aktiv mit der Natur beschäftigt! Die Einbeziehung des Archäologieerbes in das touristische Konzept wird den Erhalt und die Förderung ihrer einmaligen archäologischen Stätten sicherstellen.

Die Umgebung der Denissow-Höhlen - oder "Aju-Tasch", so wie die Urbevölkerung des Altai-Gebirges sie nennt, was "Bärenhöhle" heißt, veränderte sich in den vergangenen Jahrtausenden kaum. Erst durch die letzte Zeit hat sich die Landschaft geringfügig verändert: Am malerischen Flussufer entstanden heimelige Holzhäuschen, der naturwissenschaftlich-touristische Komplex und zugleich weltbekannte Forschungsstätte "Denissow-Höhlen" wurde für Besucher noch zugänglicher.

Der Weg ins Anujatal ist ein wenig uneben, aber trotzdem passierbar. Die Denissow-Höhlen sind über eine Freitreppe zu erreichen und die Ausgrabungsstätten verfügen über geräumige Beobachtungspunkte. Neben den spannenden Archäologieführungen, die während der Exkursionen möglich sind, gibt es auch die Möglichkeit, Wanderungen abseits der Höhlen durchzuführen oder an einer echten Grottenwanderung mitzumachen. Unbedingt empfehlenswert ist ein Spaziergang zu den Schinok-Wasserfällen sowie zu den "Museumshöhlen" aber auch zu einem der Bergseen des Baschtschelaker Bergkamms.

Hier können die Altai-Besucher neben herrlichen Impressionen und Aufnahmen aus ihrem Ferienaufenthalt auch etwas über die Geschichte der Menschheit erfahren.

Eine authentische Rekonstruktion geschichtlicher Gegebenheiten ist häufig das Vorrecht ausgesuchter Spezialisten; aber im Altai hat man die Zeit, die Energie und die Lust, eine Reise zu einmaligen archäologischen Denissow-Höhlen zu wagen.